„BRING THE BOYS BACK HOME!“

So sang es Roger Waters auf Pink Floyds „The Wall“ und so möchte man in Europa gerne die Briten auffordern, ihre verhängnisvolle Entscheidung aufzuarbeiten, zu hinterfragen und rückgängig zu machen. Leider haben es die Verführer in Gestalt der Nationalkonservativen geschafft, mit totaler Negativ-Propaganda, die Unzufriedenen zu erwecken und an der Macht teilhaben zu lassen. Dass das naturgemäß zu Lasten des gesamten Volkes geht, war für den einheimischen Laien nicht absehbar, wohl aber für den Gebildeten und für den Experten. Das Erwachen an diesem „Bloody-Monday“ ist für die Briten das Schlimmste in der Nachkriegsgeschichte. Der Säbelrassler Boris Johnson geht nach dem „Sieg“ gegen Europa zum Cricket-Spielen und David Cameron will „mit der Brexit-Scheiße“ nichts zu tun haben und wird die Austritts-Verhandlungen definitiv nicht führen. Sage und schreibe 80 Prozent der englischen Parlamentarier sind EU-Befürworter. Die Frage nach dem EU-Austritt und dem anhängigen Referendum war im Prinzip gar nicht ernst gemeint, sondern sollte im Grunde nur der Machtfrage Camerons dienlich sein – die Quittung der Bevölkerung ist deutlich. Mit politischen Entscheidungen solchen Ausmaßes darf nicht gespielt werden.
Die strukturellen Probleme Großbritanniens sind den Briten selbst gar nicht gänzlich bekannt. Nahezu alle Handelsverbindungen, -abkommen und -vereinbarungen basieren auf EU-Recht und sehen die Fachleuten in den Brüsseler Reihen. Sich diese Fachkompetenzen zu erarbeiten würde Jahrzehnte verschlingen. Im Prinzip ist Großbritannien mit dem Brexit dann am Ende, wenn die Europäer ernst machen würden. Der Preis für die britische Hochnäsigkeit und Abgehobenheit ist für die Bevölkerung nicht bezahlbar – ein zweites Griechenland tut sich auf, ..nur ohne Big Brother! Auch die Amerikaner haben laut Obama kaum ein Interesse an einem isolierten Großbritannien, oder sollte man besser sagen England. Obama sieht die EU als wichtigsten Partner der USA im globalen Wettbewerb mit China und Russland. Mit einem isolierten England, ohne Schottland und Nordirland, wird er nicht viel anfangen können.
Wir Europäer sollten nicht nachtragend sein und nach einer Zeit der Besinnung den Briten wieder die Hand reichen. Schließlich ist es für uns Europäer sehr wohl nachvollziehbar, dass rechtspopulistische Kräfte das Machtgefüge durcheinander bringen. Man könnte ja rein theoretisch die Entscheidung der Briten als Aufforderung an die EU verstehen, wieder mehr Bürgernähe zu fördern und die abgehobene Politik Brüssels wieder verständlicher zu machen – „Back to the roots“ ist im Augenblick auch der einhellige Tenor der Vereinigung. Diese Erneuerung setzt aber voraus, dass einige Leute in Brüssel eine Mitverantwortung für das Desaster der Briten übernehmen. Schließlich gelingt es der EU sein nahezu einem Jahrzehnt nicht mehr, die Menschen zu erreichen und das Projekt als Errungenschaft des friedlichen Miteinanders auf den Markt zu bringen. Eine Marketingabteilung stünde dem taumelnden Konstrukt augenblicklich nicht schlecht…

Der Ausstieg Großbritanniens zeigt uns Deutschen aber nur allzu deutlich, dass die Distanz Europas zum einzelnen Bürger gewaltig groß geworden ist. Unter anderem haben der weltweite Terror und die damit verbundenen Krisen für eine gewollte Abschottung der Briten vom Kontinent geführt. Obwohl sie es waren, die gemeinsam mit den USA den Irak „befreiten“, drücken sie sich nun in der daraus resultierenden Flüchtlingsfrage komplett vor der Verantwortung – sollen doch die Europäer und insbesondere die Deutschen die Suppe der Kriegstreiber auslöffeln!
Resümierend zum Brexit muss aber gesagt werden, dass diese Entscheidung endlich einmal fällig war. In jedem Ende steckt schließlich auch die Chance für die Aufarbeitung, eventuell aus Fehlern zu lernen… – vielleicht auch nicht jeden Interessenten gleich den roten Teppich auszulegen. Man stelle sich vor, die Türkei käme in die EU – nicht auszudenken. Die junkersche Arschkriecherei muss ein Ende haben und die aufgeblasene EU-Diplomatie erst recht. Brüssel ist gefordert, Bürgernähe zu kreieren und vor allem „zu leben“. Diese Bürgernähe hat unter den Krisen der jüngsten Vergangenheit extrem gelitten und auch die kapitalistische Umverteilung von West nach Ost zeugt keineswegs für den Erhalt und Ausbau von europäischen Werten. Die oft zitierten europäischen Werte haben für den einzelnen Bürger keinerlei informativen Inhalt und sind nur Worthülsen, die keine Substanz besitzen. Wenn es um die EU geht, dann geht es nur um Diskussionen, Geldverschwendung, Geld und die Bewältigung von Krisen. Wenn es wiederum um Krisen geht, dann entscheiden die Großen über die Köpfe der Kleinen hinweg. Die Informations- und Aufklärungspolitik der EU und vor allem das Marketing unserer Föderation funktioniert nicht. Das Image der Europäischen Union ist ein komplettes Desaster und hat wohl den Ausstieg Großbritanniens begünstigt.
Schon fürchten sich die Skeptiker vor einem Domino-Effekt des Brexits. Jedem weiteren Land, dass sich von seinen nationalkonservativen Kräften ins Boxhorn jagen lässt, soll aber gesagt sein, dass die Errungenschaften von Generationen mit einem Schlag verloren wären. Gerade die Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes wären gut beraten, die Füße still zu halten – das gilt insbesondere für Polen. Denn ohne die EU fehlt nicht nicht nur die Wirtschaftskraft und der EU-Binnenmarkt, sondern auch das militärische Netzwerk käme ins Wanken.
Der Brexit birgt Riesenchancen, die wir jetzt vielleicht noch gar nicht erkennen können. Wie schal und fad wäre es gewesen, wenn die britischen Egoisten bei der EU in eine Verlängerung gegangen wären.
Bei all‘ dem Schmerz und der Verbitterung über das mangelnde Vertrauen der Briten in unsere europäische Gemeinschaft, sollten wir trotzdem den Engländern (nicht den Schotten und den Nordiren) die Hand zur Versöhnung reichen. Sie sind es schließlich gewesen, die uns gezeigt haben, dass es bei übernational auswirkenden Entscheidungen kaum sinnvoll ist, die gesamte Bevölkerung zu befragen… – denn in Zeiten von Krisen und Unsicherheiten regiert der Populismus und mit dem Populismus der Protektionismus!

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