Hommage an G.G.

Lese ich Verse seiner „Lyrischen Beute“, die laut Beschreibung und Datierung Gedichte und Zeichnungen aus 50 Jahren beinhalten, sehe ich die heilsame Verbindung eines stets Schaffenden zwischen dem Zeichen- und dem Schreibstift. ‚Der letzte Große Schriftsteller‘, der letzte Große Literat sei von uns gegangen, titelt dieselbe Presse, die ihn doch nur um der Schlagzeilen willen, über die letzten Jahre seiner Schaffenszeit verfolgte und demütigte; bis sie ihn schließlich zu einer Art Literatur-Gott erhob, da sie keinen anderen mehr auf Erden (zumindest Deutschen) finden konnte. Ja das Fasten sei eine Erfindung der Prasser ist in dieser Beute eine der höchst erfreulichen Redewendungen und Feststellungen und gibt nur allzu deutlich Auskunft über die verleumderische Selbstherrlichkeit einer mitteleuropäischen Gesellschaft, die sich schlicht konservatives Bürgertum nennt. In seinen Zeichnungen lässt er eine Schnecke über eine Rasierklinge kriechen… – wohl wissend, dass ein Mensch selbiges niemals schaffen könnte, jedoch die Langsamkeit der Schnecke gedeiht ganz besonders in dieser Situation zum Vorteil. Ein Selbstbildnis mit Zigarre in einer Art Flur, der nicht enden will – mit einer Tür, die immer nur Tür zum nächsten Flur sein kann… – ja, die Unendlichkeit des Seins, die Unendlichkeit der Worte, die Unendlichkeit der Gedanken – das ist das, was die Welt ausmacht; nicht aber den Menschen als Einzelnen. Grass war nicht nur Schriftsteller, Bildhauer und Maler…, nein, er war auch Poet und Lyriker – er war Zeitgeist, Vermächtnis und Visionär in einer Person – wahrlich der letzte Große einer Epoche und vielleicht aber Vordenker für eine neue Generation, die sich ihn als Vorbild nimmt… Sicherlich ist es müßig, in Zeiten von Harry Potter, Bohlens Memoiren oder RTL 2 von großen Schriftstellern zu reden oder über das Comeback eines Literarischen Quartetts zu sinnieren, doch muss doch etwas geblieben sein von alledem – muss doch etwas hinterlassen worden sein außer einer selbstgefälligen Kitschgesellschaft, die in erster Linie aus voyeuristischen Egoismen handelt – gefüttert vom Machtfaktor einer sich selbst hochkatapultierenden Konsumgesellschaft aus eitlen Möchtegern-Promis aller Kategorien… Mit Günter Grass geht ein großer Mahner, ein wahrer Intellektueller, ein ehrlicher aufrichtiger Geist, ein streitbarer Mann mit großem Herz und Charakter von uns – natürlich ist dieser einzigartige Mensch nicht zu ersetzen und auch nicht auszutauschen. Es hat lange gedauert, bis ich mir der Bedeutung seines Abschieds bewusst geworden war. Sein Ableben hinterließ bei mir selbst eine große Leere – ich war für kurze Zeit wie ohnmächtig und konnte meine Trauer kaum in Worte fassen. Erst der schlichte Aufruf eines Jugendlichen, warum ich schon seit geraumer Zeit keine Kolumne mehr auf meine Seite stellte, holte mich aus meiner Lethargie und zündete in mir einen neuen Funken…
Und so möchte ich für heute enden mit einem meiner Gedichte:

Andere sehen mich
Der Psycho da im Ecke – trinkt und schreibt, schreibt und trinkt, bis er geht – irgendwohin.
Der Kranke da im Park, der Sonne, dem Sturme frönend, schreibt und raucht, den Blick so tief – so tief.
Der Verrückte da im Club mit dem Ohr am Basse, trinkt und trinkt, beleidigt die Leute – sich zu finden.
Der Erwachsene da am Tische schreibt und schreibt, dreht sich um sich, weint um seine Jugend.
Der Verliebte da im leeren Raum ist zu bemitleiden, schreibt und flucht, weiß keinen Ausweg.
Der Verlassene da in der Kneipe hofft auf das Neue, schreibt und philosophiert über das Alte.
Schau mal den Verlorenen, der immer nur gewonnen, schreibt und verzweifelt, er hat es nicht gewusst.
Sieh mal er weint, glaubte er, er habe immer gewonnen? Er schreibt und dichtet bis zu seinem Untergang.
Der Erlöste da am Baume umarmt den letzten Freund, schreibt nicht und redet mit dem letzten Freunde.
Der Barmherzige da in unserer Mitte, wir kannten ihn nicht bis heute, lesen wir ihn, hatten wir nichts gewusst.
So gerne wünschten wir ihm das Glück auf Erden, er hätte es verdient, wäre er nicht gegangen.

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