SEHNSUCHT NACH ENTLASTUNG…

Was ist der Grund, warum auf einmal ein Sozialdemokrat namens Martin Schulz die Herzen der Menschen erreicht, und sie ihm einfach mal glauben, dass er etwas in Deutschland verändern könnte, wo doch die Schere zwischen arm und reich mittlerweile dermaßen auseinanderklafft, dass man es kaum noch für möglich hält, die beiden Schneiden auch nur einem Millimeter aufeinander zuzubewegen…

Die Fachleute versuchen sich an Erklärungen und die regierende Union packt die herabwürdigende Keule „Verunglimpfung und Üble Nachrede“ aus der Wahlkampfkiste. Die Kanzlerin versucht es mit der „Verratstaktik“, nämlich mit der Unterstellung des Verrates an der eigenen Agenda-Politik seitens der SPD. Sie merkt gar nicht, dass es die Sozialdemokraten waren, die Ende des letzten und Anfang des neuen Jahrhunderts mit den unpopulären und ungeliebten Reformen einen Einschnitt in die Gesellschaft vollzogen, der Deutschland aus der Lethargie und aus der Behäbigkeit führte und somit auch zu einer Erfolgsgeschichte für die ganze Republik wurde – das Ganze im Übrigen auf Kosten des eigenen Machterhaltes, wie sich im Nachgang herausstellte… Das „heiße Eisen Agenda 2010“ hätte die Union so nicht angefasst, wäre doch der Machterhalt in Gefahr gewesen…

Und genau das ist der Grund, warum die Bevölkerung einem Schulz die kreative Korrektur der Agenda und den daraus resultierenden sozialen Missständen zutraut. Mit „Weiter-So“ lässt sich die soziale Gerechtigkeit nicht umsetzen, vor allem dann nicht, wenn die altbekannte Lobby-Politik, unterfüttert von der Großindustrie und den Banken, den Takt vorgeben. Beweis dafür ist der Aufstand der Arbeitgebervertreter, die Schulz als Lügenbaron, Populisten und Selbstbereicherer beschimpfen.

Eine weitere Wahrheit ist, dass die „fleißigen“ Arbeitnehmer in unserem Lande, trotz Engagement und Selbstlosigkeit, ihre Mieten und ihren Lebensunterhalt nicht mehr bezahlen können, während Zeitarbeitsunternehmen über ihren Börsengang nachdenken. Das Land geht sozial am Stock und die Managerelite findet sich trotz Megaskandalen mit Abfindungsmillionen ab… – und benimmt sich abgehoben und dekadent fernab von jeder sozialen Verantwortung, in einer Art eigenem Kosmos zwischen dem Kaviar der letzten lebenden Störe mit einem Jagdgewehr in der Hand, um während des Champagnerdinners noch den letzten Elefanten oder Schneeleoparden abzuballern…

Ja! Unsere Welt scheint vor die Hunde zu gehen und der Kapitalismus spült sogar noch erdölverliebte Nationalisten an die Oberfläche, ja sogar an die Macht, damit die Dekadenz neue Rekorde erreichen kann. Gleichzeitig werden für den wirtschaftlichen Aufschwung die Rüstungsetats hochgefahren, um die Jobmaschine neu anzuwerfen…

In dieser Zeit kommt plötzlich, entgegen allen internationalen Trends, ein Heilsbringer namens Schulz, eine Art Messias, und spricht von Vermögenssteuer und von der Wiedereinführung des Solidaritätsprinzips zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern… – und die Gewerkschaften können ihr Glück nicht glauben und haben scheinbar ihren alten Freund, die SPD, wiedergefunden, der seit Schröder doch verloren geglaubt oder schon beinahe gestorben schien.

Die sogenannte „bürgerliche Mitte“, die mittlerweile zu über 50 % aus Menschen besteht, die nicht wissen wie sie über die Runden kommen sollen, schöpft Hoffnung und knüpft selbige an die Renaissance einer verlorenen Liebe. Mit großer Leidenschaft ist dieses durchaus existente Klientel bereit, Vorschusslorbeeren zu vergeben, Hauptsache, es ändert sich die Ungerechtigkeit, in der wir leben. Jede einzelne Maßnahme, die verkündet wird, erntet euphorischen Beifall und bringt den neuen Helden seinem Ziel ein Stück näher. Das sind Projekte wie „sozialer Wohnungsbau“, Arbeitslosenfeld Q und die Rückführung der Zeitarbeit (wie sie ja einst angedacht war…) genau die richtigen Argumente, um Vertrauen zu schaffen. Vor allem aber sind die genannten keine unrealistischen Ziele in Zeiten von Krankenkassenüberschüssen und sprudelnder Steuerquellen. Deutschland kann wieder gerechter werden und muss es auch – denn die nächste Generation steht in den Startlöchern und möchte ebenfalls eine neue Generation nach ihr auslösen. Doch wenn als Belohnung Altersarmut bevorsteht oder unbezahlbare Mieten oder die vorhersehbare Verschuldung von Privathaushalten – ja, wer soll da noch Glauben an die soziale Gerechtigkeit haben…

Der „Schulz-Hype“ ist kein Hype um eine Person, sondern das Wiedererstarken der SPD ist als Aufschrei der Mittelschicht zu verstehen… – er ist Ausdruck für die „Sehnsucht nach Entlastung“!

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