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SILBERRÜCKEN ‚Fliege im Cockpit‘

Werksbesuch bei einem Geschäftsfreund in Dortmund… – und ich habe mich in der Firma freiwillig gemeldet – als Einziger. Das alles bei Temperaturen um die 30 Grad am Wochenende und einer zu fahrenden Gesamtstrecke von 600 Kilometern. „Ja, einer ist immer der Gelackmeierte…“ dachte ich laut nach und bog geschmeidig zu einem Parkplatz an der Zubringerstraße ab, der mir kurz vor der Autobahnauffahrt noch die Möglichkeit gab, mein kleines Geschäft am Busch zu verrichten… Immer wieder interessant; dieser kleine Parkplatz war als ‚Naturdenkmal‘ ausgewiesen. Es ist scheinbar, zwischen den Ackern der heimischen Bauern und der Bundesstraße, der einzige Zufluchtsort für Kleinsäugetiere wie Hase, Igel, Fuchs, Fasan, Neuntöter, Feld- und Goldammer und vielen anderen mittlerweile selten gewordenen Feldhainbewohnern. Eine große Linde und mehrere mittelwüchsige Eichen, umgeben von Schlehen- und Weißdornbüschen bilden ein nettes Kleinod, an dem zu verweilen beinahe Freude macht, wären da nicht unzählige Pappbecher und zerknüllte Mac Donalds Tüten, aufgehäufte Klopapiergebilde über hinterlassenen Notdurftverrichtungen und dutzende leerer Plastik- und Glasflaschen. ‚Naturdenkmal’…, ja, das war ein sehr passender Begriff – führt man sich vor Augen, dass der Mensch ein Teil davon zu sein scheint…!! Die Welt ist wunderschön – nur die Menschen sind zuweilen äußerst schlecht erzogen!

Sechs bis sieben Stunden Fahrt lagen vor mir und ich möchte gerade den Radio anstellen, da brummt mir ein großes Insekt um die Ohren. „Mensch, das Biest muss mir auf dem Parkplatz durch den Fensterschlitz ins Auto geflogen sein.“ schimpfte ich. Leider vertrage ich die Klimaanlage nicht besonders gut und so fuhr‘ ich häufig mit geöffnetem Fenster. Ich vertraute der Technik und den technischen Errungenschaften der Automobilingenieure nicht besonders und glaube, dass all‘ diese Neuerungen und Wunder der Technik nur zu einem führen – dass es immer mehr Allergiker gibt und uns die angeblichen Innovationen immer kränker als gesünder machen; aber das ist wohl alles reine Einstellungssache. Schließlich verdiente ich mit diesen Neuerungen und Neuentwicklungen auch einen Teil meines Lebensunterhaltes – also tolerierte ich den schrittweisen Untergang unserer Zivilisation und trage meinen Teil dazu bei – wie so viele andere Millionen und Milliarden Menschen eben auch… Und…, schon wieder summte mir dieser Riesenbrummer direkt am Ohr vorbei! Gerade, als ich einen anderen Wagen überholen wollte, der mit 100 km/h auf der mittleren Spur fuhr, brummte mir dieses riesige Etwas im Ohr herum, so dass ich mit einem Ultrareflex mir volle Kanne auf das rechte Ohr schlug…!! „Verdammte Scheiße! Was ist denn das für ein Mistvieh?“ stieg ich wild in eine Schimpftirade ein und versuchte gleichzeitig den Delinquenten ausfindig zu machen. Er, der Brummer, war bei näherem Hinsehen (er nahm gerade auf dem Beifahrersitz Platz) eine große Fliege mit silbern behaartem Rücken. Sie sah nicht aus wie jede andere herkömmliche Fliege. Nein, sie war scheinbar ein ganz besonderes Tier – ich unterließ fürs erste die Jagd nach ihr – wäre auf der Autobahn bei Tempo 140 auch etwas zu gefährlich. Viel eher ging ich kurz vor Nürnberg dazu über sie eingehend zu mustern. Kurz vor der Höhe Nürnberg-Feucht, die durch die kranken Fichtenwälder, die vor Jahrzehnten als Monokulturen angelegt wurden, klar zu erkennen ist, machte ich meinem Mitfahrer den Vorschlag, Radio zu hören. „He, du fetter Brummer – machen wir mal das Radio an; nicht dass uns noch langweilig wird.“ Nach ca. 10 Minuten Antenne, mit dem BESTEN WETTER, dem BESTEN BLITZERSERVICE, der BESTEN MUSIK, irgendeinem Quiz, und Purple Rain von Prince genau bei dem geilen Gitarren-Solo ausgeblendet wegen dem Anruf von Carola Greiner aus Hinterdissingen bei Großohrenbronn, habe ich die Schnauze voll. „Du, Brummer – wie wäre es mit Mozart?“ legte die Kleine Nachtmusik ein und ließ uns beschallen – Erleichterung machte sich breit – und der Brummer drehte ein paar Runden um meinen Kopf, setzte sich rechts auf die Frontkonsole neben dem Lenkrad, genoss Musik und Wärme der Sonne gleichzeitig. Das war wohl genau die richtige Entscheidung. Der Brummer und ich waren vorerst zufrieden und glücklich. Spätestens jetzt nahm ich klar Abstand dazu nach der Fliege zu schlagen oder wie wild zu versuchen sie aus meinem Cockpit zu entfernen. Langsam gewöhnte ich mich an meinen Fahrgast und war ganz froh nicht so ganz allein zu sein.

Endlich hatte ich Zeit meinen Mitfahrer näher zu beobachten: Er sah nicht aus wie jede andere herkömmliche Fliege oder Brummer, nein, er war scheinbar ein ganz besonderes Tier… Schon stieg er wieder auf und umschwirrte meinen Kopf. Aber, als ob er meine Gedanken lesen konnte, hielt er nun Abstand von meinem Kopf und umkreiste selbigen in akzeptabler Entfernung. Mit anderen Fliegen, den sogenannten ‚Gesichtsfliegen‘ oder ‚Drecksmucken‘ hatte ich durchaus andere Erfahrungen gemacht. Oft lauerten mir diese Peiniger des abends im Hochsommer auf der Couch auf und attackierten stets unvermittelt Nase, Ohren, Stirn, Augen, Mund und Nasenlöcher – sogar, und das ist der Gipfel, das wohlschmeckende Essen, das ich mir samt Fliege in den Rachen schob… Kaum zählbar all‘ die Fliegen, die ich mit Tee und Säften über das Jahr zu mir genommen hatte, ohne es zu wissen – allen voran die Fliegen, die ich auf der Teekanne erschlug, deren Kadaver unbemerkt in die Öffnung hinabschlidderten und mir beim nächsten unbedachten Ausschank ins Glas einen Cocktail mit ca. 1-3 Fliegenleichen bescherten. Leider bemerkte ich den Eiweißanteil meines Getränkes erst, nachdem mir die leblosen Körper bereits die Speiseröhre hinab geglitten waren. ‚Geglitten‘ ist dabei genau die richtige und treffende Titulation – und es schüttelte mich am Steuer meines Wagens ganz schauderhaft… Eines aber war klar, dieser Brummer war anders. Sicherlich konnte mir diese Fliege den Beifahrer nicht gänzlich ersetzen, doch wurde mir mein animalischer Passagier zunehmend sympathischer. Wir durchquerten das Frankenland und näherten uns flotten Tempos der Bundeslandgrenze zu Hessen. Die Mozart-CD war kurz vor dem Ende und ich spielte schon mit dem Gedanken zu Chopin zu wechseln, da sagte ich zu dem Brummer: „Du, Brummi, weißt du eigentlich, dass ich gemeinsam mit Mozart Geburtstag habe? …Wann hast denn du Geburtstag?“ Natürlich war mir in dem Moment klar, dass ich keine Antwort bekommen würde. Doch ein paar Sekunden nach meiner Frage erhob sich die Fliege senkrecht in die Luft und landete unvermittelt auf derselben Stelle. Dann hob der Brummer wieder ab und surrte eine ganze Zeit lang im Kreis, so ungefähr sssssssssss – mit Kreis. Das waren also insgesamt eine Eins und eine Sechs = 16! Aha, also am 16ten! Wow, meine Fliege war etwas ganz Besonderes. Doch in welchem Monat war sie wohl geboren? Jetzt setzte sie sich wieder an dieselbe Stelle auf der Frontablage und schüttelte ihren Körper so, dass er immer leicht vibrierte… – insgesamt viermal – nochmal Wow. Der Brummer war am 16. April geboren – Super!

Rasthof Würzburg…, dann Steigerwald und wir sind schon beinahe in Frankfurt – Dortmund rückte näher und ich war meinem Fahrgast sehr dankbar für die gute Unterhaltung. An Würzburg hängten viele Erinnerungen; insbesondere an den Rasthof. In meiner Zeit als Tramper, so um die 20 Jahre jung, da blieb ich insgesamt drei Mal fast einen ganzen Tag lang auf dem Rasthof hängen. Es ist das sogenannte Tramperloch. Auf den dort aufgestellten Steinfindlingen, Leitplanken und Verkehrsschildern haben sich unzählige Leute verewigt. Aussagen wie ‚Bin schon seit zwei Tagen hier‘ oder ‚Fucking Würzburg‘ sind keine Seltenheit – ich glaube der Rekord war ‚Ich gebe auf! Zwei Tage und Nächte sind einfach zuviel…‘. Nun hatte ich endlich die Muße mir meinen Mitfahrer mal ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Die Fliege war sehr groß, also keine Stubenfliege und sie hatte einen grau behaarten Rücken. Sie hatte etwas von einem Gorilla – ‚also Silberrücken‘ schoss es mir kurzzeitig in den Kopf. So taufte ich den dicken Brummer, der mir bis hier hin so viel Spaß bereitet hatte ‚SILBERRÜCKEN‘. Wo wir gerade bei Trampergeschichten waren; jetzt ging es richtig zur Sache. Ich erzählte Silberrücken von meinen England- und Irland-Reisen. Nur mit dem Daumen bewaffnet, drei Uhr nachts, gerade von einer Party kommend, machte ich mich auf die Tour. Vorher noch dreihundert Tacken aus der Börse genommen, den Tramperrucksack aufgeschnallt und von einer guten Freundin nach Kösching auf die Autobahntankstelle fahren lassen. In der Hand ein Schild auf dem ‚Great Britain‘ stand, und los ging’s. Ich kann heute gar nicht mehr sagen, wie ernst ich es damit wirklich meinte, aber in meinem angetrunkenen Zustand sprach ich ein paar LKW-Fahrer an und ein Holländer nahm mich mit – bis nach Dover in England. Es war also ein Trip inklusive Fähre, die mich als Mitfahrer im LKW nichts kostete. In England angekommen, mit meinen zarten achtzehn Lenzen nahm mich gleich zum Einstieg in dieses englische Abenteuer Barry mit. Barry stammte aus Deal bei Dover und nannte einen Fischkutter sein Eigen. Mit ihm ging es in diesem und in den folgenden Jahren auf Fischfang. Makrele, Dorsch, Kabeljau, Wildlachse und Hummer waren die bevorzugte Beute. Die wunderschönen Bilder, die herrlichen Erlebnisse von damals durchströmten dank Silberrücken meine Seele und ich war dankbar, dass mir mein ‚imaginärer Freund‘ seine Aufmerksamkeit schenkte, wenn ich es mir nur einbildete – denn ich bin ja nicht bescheuert. Trotzdem war es für mich an diesem Tag, ich war gerade auf der Höhe Frankfurt, wunderbar in den vergangenen Zeiten zu wühlen und mich an all‘ die Geschichten zu erinnern, die ich in insbesondere in meiner Jugend erlebte. Wie steht es so schön in Carnegie’s ‚Sorge dich nicht – Lebe!‘: ‚Wenn es dir mal nicht so gut geht und du an dir und an deinem Lebensweg zweifelst, dann erinnere dich an die Musik der Zeit, in der du 18 warst. Denn genau in dieser Zeit warst du unverfälscht und auf dem Höhepunkt deiner Unabhängigkeit!‘ Und das hat Silberrücken geschafft – er hat mich zurückgebeamt in die Zeit meiner Jugend – auf den Höhepunkt meines Lebens. In dem Zuge und als Huldigung auf meine Zeit als Tramper; schließlich häufte ich innerhalb von fünf Jahren eine ganze Erdumrundung an Kilometern zusammen; klapperte ich ab Frankfurt alle Autobahntankstellen ab, ob ich nicht einen Tramper mitnehmen kann. Ich machte sogar einen Abstecher zu dem Kölner Ring, an dem ich mehrmals in meiner Hitch-Karriere landete, und konnte da einen tschechischen Jugendlichen mitnehmen, der da mit mit Rucksack und einer Gitarre stand. Als ich ihm half seine Sachen einzuladen, er wollte ganz zufällig auch nach Dortmund, entschwand Silberrücken in die große Stadt. Seinen Platz nahm Marcel ein – Marcel mit der Gitarre. Er war in Prag geboren und studierte in Köln Gitarre und Saxophon. Er erzählte, dass er… – doch das ist eine andere Geschichte.

Seit meinem Ausflug mit Silberrücken sehe ich vieles mit anderen Augen. Wenn mir die Schnecken meine Salatpflanzen im Garten attackieren, dann bin ich bereit zu teilen. Im nächsten Jahr werde ich Pflücksalat pflanzen, um sie von den Kostbarkeiten, wie Paprika oder Bohnen, abzuhalten. Wenn ich Brennesseln im Garten sehe, dann lasse ich immer kleine Ansammlungen stehen für ihre Eiablage. Wenn ich den Kompost aufhäufe, dann achte ich darauf, dass der Igel genügend Möglichkeiten hat, dort zu überwintern. Ja, die Begegnung mit Silberrücken hat mich sensibilisiert und wenn ich wieder eine Geschäftsreise unternehme, dann suche ich mir stets den nächsten Tramper, um ihn und mir einen Dienst zu erweisen…!!

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